Stand: 23. Dezember 2025

















































Wir können die Kunst auch der Natur überlassen.

Realisierbare Utopien

Atelier Imperfekt Kulturgestaltung

Gökçe Çukurtaþ: Vielen Dank für deine Rückmeldung und die Offenheit, meine Fragen per Mail zu beantworten. Ich finde deine Arbeit sehr spannend und möchte sicherstellen, dass ich das Atelier Imperfekt und seine Idee auch richtig verstanden habe. Für mich klingt es so, als ob "Imperfekt" auf mehreren Ebenen spielt: als grammatisches Tempus, das Vergangenes offenhält, als Anspielung auf "unperfekt" im Sinne von Prozesshaftigkeit und als poetisches Narrativ für Kulturutopien. Habe ich das so in etwa richtig verstanden?

Uri Bülbül: Das ist absolut richtig verstanden.

Gökçe Çukurtaþ: 1. Was genau ist das Atelier Imperfekt - eher ein physischer Ort, ein Projekt oder eine Denkform?

Uri Bülbül: Das Atelier Imperfekt ist eine Denkform, ein ideeller Raum, ein Denkraum sozusagen. Ich habe seit 2008 immer wieder verschiedene Anläufe genommen, diesen Denkraum zu entwickeln, zu benennen und mit öffentlichen Mitteln der Kommunen und des Landes zu realisieren: Labor, Institut, Think Tank. Erst Anfang des Jahres kam ich auf die Idee, mich im Unperfekthaus "irgendwie" zu platzieren, auch ohne die Unterstützung der öffentlichen Hand, der Kulturbüros, des Kulturamtes usw. Aber natürlich bemühe ich mich weiter über Anträge um öffentliche Unterstützung.

Die Philosophie des Hauses sagt mir sehr zu und alles, was ich auf der Homepage fand, klang sehr sympathisch. Also habe ich Kontakt aufgenommen und erst nach den ersten beiden Besichtigungsrunden mit Kollegen und Freunden kam ich auf das "Atelier Imperfekt". Dadurch wird die Idee zu einem deutlich manifesteren Diskurs, weil das Unperfekthaus in seiner Konzeption und physischen Existenz der Idee einen physisch realen Raum gibt. Das Atelier wird beseelt und realiter umgesetzt durch die ganze physische wie ideelle Existenz des Unperfekthauses. Wer also die Adresse des Ateliers sucht, wird es im Unperfekthaus finden.

Aber das Unperfekthaus ist nicht gleich das Atelier. Da gibt es auch sehr viel anderes. In den Mails an die Clubmitglieder wird ja gesagt, dass alle das Unperfekthaus als Werkzeugkasten nutzen können, um eigene Ideen zu realisieren. Das passt auch sehr gut zum Atelier, und natürlich kann jeder Mensch etwas anderes aus dem Werkzeugkasten nehmen, um für sich etwas zu realisieren.

Gökçe Çukurtaþ: 2. Wie kam es zur Gründung, was war der konkrete Auslöser?

Uri Bülbül: Ich habe für die Gesellschaft für Kunst und Kulturelle Bildung Globalkultur eine Wirkungsstätte gesucht. Für einzelne Kooperationen und Projekte kommen Soziokulturelle Zentren ebenso in Frage wie kleine Theater der freien Kulturszene, Galerien oder aber auch Häuser der Städtischen Kultur, wenn sie sich nur mal offen genug zeigten. Aber damit wäre die Globalkultur Kunst und Kulturelle Bildung gGmbH nirgends "zuhause". Zum einen finde ich das gut: denn der Name ist eben ein Programm für Offenheit; andererseits kann das aber auch Obdachlosigkeit bedeuten. Plötzlich ist man überall und nirgends. Ich kooperierte für das Gründungsprojekt einer Global Sound Academy seit 2023 mit den Städten Oberhausen, Bochum, Dortmund, Duisburg. Und in Essen hatten wir noch gar keinen Ankerpunkt, ich wollte ein Koordinationsbüro in Oberhausen in Absprache mit dem dortigen Kulturdezernenten Apostolos Tsalastras, wir machten eine gemeinsame Eingabe an das Ministerium, das lapidar abgewiesen wurde. Ich hatte aber schon 2020 unter dem Motto Freie Kultur braucht Struktur ein Symposion im Katakomben-Theater Essen gemacht und es Open Place genannt.

Der wirkliche Open Place aber ist das Unperfekthaus. Als in Oberhausen klar war, dass kein Koordinationsbüro zustande kommt, wurde ich Clubmitglied im Unperfekthaus.

Immer wieder drehen sich die Ankündigungen und Veranstaltungen des Ateliers Imperfekt auch um Musik, interdisziplinäre Kunst, theaterästhetische Experimente und die Global Sound Academy, die das alles vereinen soll.

Und wo gestaltet man so etwas am besten? In einem Atelier! "Labor" klang mir zu steril, zu sehr nach Kälte und Qual der Tierversuche. Nein, ich will nicht töten, was ich untersuchen will. Ich will lieber gestalten und gärtnern.

Gökçe Çukurtaþ: 3. Warum der Name "Imperfekt"? Welche Rolle spielt das grammatische Tempus für dein Narrativ?

Uri Bülbül: Angelehnt ist es natürlich an das Unperfekt. Ohne das Unperfekthaus hätte ich das Atelier nicht so genannt. Und ich habe an das "Ende der großen Erzählungen" gedacht, was ja die Postmoderne ausmachen soll. Aber das große Erzählen wird ja nicht durch Dada und Splitterlyrik, Fragmente und wie bei Nietzsche durch "zerbrochene Tafeln" abgelöst. Die ganze Epik von Fantasy über Science Fiction zu den Familienepen und all den anderen Romanen bedient sich des Imperfekts. Ich hätte das Atelier auch "Atelier für Universalpoesie" nennen können oder Atelier für Synästhesie. Ich habe einen Hang zur aufgeblasenen Poesie, zur großen Terminologie und Rhetorik. Das Ruhrgebiet will eher Pommes Currywurst Poetik. Aber da machen sich die Ruhris selbst etwas vor. Das Ruhrgebiet ist die industrielle Stütze des europäischen schwerindustriellen bzw. kriegsindustriellen Größenwahns gewesen. In Bochum wurde die Jahrhunderthalle zur kulturellen Spielstätte ohne ein Reflex auf die nicht unproblematische Vergangenheit.

Da lobe ich mir doch das Unperfekthaus. Meine Geschichte, mein Narrativ könnte so beginnen: "Er kam in den Raum mit den Postern, betrachtete James Dean, grüßte Elvis und setzte sich mit dem Rücken zu den Village People. Immer wieder ging sein Blick zu Madonna. «Ich werde neu beginnen», sagte er sich. Er wollte über Sound of Silence nachdenken. Genau hier. Und dann in anderen Räumen. Er wollte sich bis zur Dachterrasse hochdenken. Und auf dem schwarzen Bildschirm an der Wand sah er im Geiste Dustin Hoffman mit einem roten Alfa Romeo Spider als the graduate seiner Sehnsucht nachjagen. Und irgendwo unter seiner Schädeldecke sang Paul Simon "Sound of Silence."

Und schau Dir jetzt mal das Erzähltempus an: einfach Imperfekt!

Gökçe Çukurtaþ: 4. Welche Projekte oder Formate finden aktuell statt, welche sind geplant?

Uri Bülbül: Ich suche Kooperationen und taste mich langsam durchs Haus, aber überhaupt durch die Szene des Ruhrgebiets. Ich hätte gerne ein Vlogging hier: Unperfekt-TV. Alle könnten ihre Arbeiten, Ideen, ihre Kunst oder was auch immer vorstellen. Ich moderiere und mache etwas Redaktion. Nicht zu viel, denn Redaktionen können zur obersten Zensurbehörde werden. Ich bin ein Graswurzelrevolutionär. Radikaler Basisdemokrat. Aber auch Utopien veralten.

Gökçe Çukurtaþ: 5. Wie hängt das Atelier mit "Globalkultur" zusammen?

Uri Bülbül: Globalkultur ist eine Rechtsform: gGmbH. Das Atelier ist künstlerischer Inhalt. Ich verstehe mich als Künstler. Ich bin aber auch Geschäftsführer der Globalkultur.

Gökçe Çukurtaþ: 6. Was meinst du mit "Netzwerk universalpoetischer Aktivitäten"?

Uri Bülbül: Damit nehme ich deutlich Bezug auf Friedrich Schlegel. Ich habe die Ideen ja nicht erfunden. Ich bin weder Genieästhetiker noch originalitätssüchtig. Aber ich bin ein heute lebendes Subjekt. Es ist nichts mehr wie im 18. oder 19. Jahrhundert. Es ist auch schon nichts mehr wie am Ende des 20. Jahrhunderts. Mir ist ganz besonders wichtig, dass ich mit Universalpoesie eine Poesie und Ästhetik, eine Kunstphilosophie der Offenheit jenseits aller Grenzen verstehe: weder gibt es in dieser Offenheit Genregrenzen noch nationale oder kulturelle. Frei nach Schillers Ode: Alle Menschen werden Geschwister, wo dein sanfter Flügel weilt. Die Universalpoesie ist dieser sanfte Flügel. Und das ist doch heute besser möglich denn je, wo es alle technischen Möglichkeiten über www gibt: auf Video können Musik, Epik, Lyrik, Bilder, Tanz, Rezitationen verschmelzen und alle Schubladen und Genregrenzen sprengen. Friedrich Schlegel und andere damals malten sich das in ihrer Phantasie aus, und hatten nicht einmal die leiseste Ahnung von Film und Video, wir haben das direkt vor der Nase. Wir können sagen: Hey, du machst Gedichte, jemand anderes malt, jemand musiziert, usw. wir verbinden und vernetzen und stärken uns. Das schließt live Performances ja nicht aus! Aber die Produktion selbst wird ebenfalls zur Performance. Und mir ist noch etwas sehr wichtig: eine Gemeinschaft freier Menschen, in der jeder Mensch ein Künstler ist. Diese Gemeinschaft ist eine ästhetische Polis.

Wichtig ist auf jeden Fall, dass wir Kunst als Prozess begreifen und nicht als ein beendetes Werk. Und da sind wir wieder in der unvollendeten Vergangenheit: Imperfekt! Werke sind Fossilien, sie zeugen von früheren Lebensformen und Ideen, aber alles ist versteinert und tot. Oder wie im Stadttheater in durchgeprobten Aufführungsschleifen gefangen. Optimal ist dort, wenn alles wie vorgeschrieben, geplant und geprobt läuft. Das nannte schon ein Theatermacher wie Robert Wilson "totes Theater". Alles, was auf der Guckkastenbühne geschieht, darf vom Publikum bestaunt werden, ohne sich beteiligen zu dürfen oder das Spiel durch Improvisationen variieren darf. Das ist eine andere Kultur: Schmetterlinge und andere Insekten werden an Nadeln aufgespießt und in Vitrinen nach Klassifikation tot zur Schau gestellt. Die Charité in Berlin hat ein ganzes Museum mit eingelegten Körperteilen und Organen, missgebildeten Embryonen usw. Totes Theater, dessen Bretter die Totenwelt bedeuten. Aber es gibt auch Menschen, die die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen. Und da wäre das Atelier doch ein toller Resonanzraum.
Das Atelier für Kulturgestaltung plädiert für einen Paradigmenwechsel, den die Romantik schon vorgedacht hat. Deshalb das Wort "Universalpoesie". Und das erfordert auch theaterästhetische und überhaupt ästhetische Experimente.

Gökçe Çukurtaþ: 7. Was bedeutet für dich politisch-ökonomisches Selfempowerment der freien Szene in der Praxis?

Uri Bülbül: Das ist ein sehr heikles Thema, ein Freund von mir, der als Finanzbuchhalter die Buchhaltung der Globalkultur macht, und ich sind auf etwas gestoßen, was die Kulturszene revolutionieren könnte, aber keine Angst, das wird nicht passieren. Graswurzelrevolutionäre hören das Gras wachsen.

Gökçe Çukurtaþ: 8. Was verstehst du unter der "Einheit von Politik, Kunst und Kultur"? Uri Bülbül: Politik ist für mich gesellschaftliches Engagement, das in organisierter Form abläuft. Nicht einfach nur Parteien und Parlamentarismus und alle paar Jahre einmal an die Urne und von Werbeleuten entwickelte Immagekampagnen wählen. Ich bitte zu beachten, dass im Wort "organisieren" das Wort "Organ" steckt! Aber was sind denn Organe in einem lebendigen Organismus? Lebendige Einheiten mit speziellen Funktionen, deren Zellen das genetische Informationsmaterial des gesamten Organismus enthalten. Eine Leberzelle hat auch die Gene einer Gehirnzelle. So gesehen kann Kultur verstanden werden als die Hege und Pflege und Entwicklung des Speziellen im Verhältnis zum Ganzen. Gesellschaftliches Engagement aber führt natürlich zu Kultur und zu Kunst. Wenn wir Zusammenhänge sehen und Einheiten denken, können wir das Leben schöner machen oder geschwollen ausgedrückt: das Leben ästhetisieren, bzw. poetisieren.

Gökçe Çukurtaþ: 9. Wie siehst du das Unperfekthaus im kulturpolitischen Kontext?

Uri Bülbül: Das Unperfekthaus ist ein Stück beunruhigende Normalität der Freiheit. Eigentlich müsste der freiheitliche Staat mit seiner freiheitlich demokratischen Grundordnung, wovon so viel die Rede ist, aber so wenig Realität, alle seine öffentlichen Kulturhäuser zu Unperfekthäusern machen. Aber statt dessen huldigt die Kulturverwaltung und staatliche Kulturpolitik einem alten Ideal der Genieästhteik, Auserwählte werden besonders hoch dotiert und dürfen "Hochkultur" machen, die Theater folgen dem Intendanz-Prinzip und dieses wiederum folgt der Genie-Ästhetik. Aber das ist Feudalismus in modernem Gewand. Es gibt hochwohlgeborene Künstlerinnen und Künstler, eigentlich mehr Männer als Frauen und niederes Kunstvolk, das auf seine edle Entdeckung hofft und Publikum, das nörgeln und wählen darf, ohne Einfluss auf das Bühnengeschehen nehmen zu dürfen. Das ist ein völlig undemokratisches Bild von der Musenkultur. Da signalisiert das Unperfekthaus einen wichtigen Paradigmenwechsel: Probiert aus, nichts muss perfekt sein!

Gökçe Çukurtaþ: 10. Wie kann man sich beteiligen, wenn man interessiert ist? Uri Bülbül: Einfach sich melden oder zu den angekündigten Terminen im "bravo-Raum" (T)Raum 158 im UPH kommen.

Gökçe Çukurtaþ: 11. Welche Art von Unterstützung wünschst du dir?

Uri Bülbül: Eigenwillige Beteiligung und ein Gespräch mit Selen Kara im Unperfekthaus! Ich gebe ihr auch All you can eat vom Buffet aus. Hier kann ich es mir leisten, habe eben kein Intendant*innengehalt. Aber wir treffen eine Produktionsvereinbarung: ich habe einen Kreis von Musiker*innen, Tänzer*innen, sie steuert aus ihrem Ensemble Leute bei und wir inszenieren gemeinsam "GrilloUnperfekt". Und du bist in der Produktion auch dabei, Gökçe.
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