Slinky Springs to Fame

Jo Ziegler über ein Interview-Vormittag mit dem Sprecher des Katakomben-Theaters Uri Bülbül

Eine Reportage von Jo Ziegler

«Die Liebe wird zur Gefangenschaft für einen selbst und/oder für den geliebten Menschen. Und ein Versprechen wird zu einem Wurf in die Zukunft, zu einem Projekt, aber wie ein geworfener Enterhaken hängt man dann am Seil, hakt sich irgendwo im Gebälk fest und hat keinen Spielraum mehr.»

Es sei mal dahingestellt, ob es das gelungenste Bild für teleologisches und utilitaristisches Denken ist. Aber Uri Bülbül hat schon seit mehreren Jahren Kritik an der Förderpraxis für Kunst und insbesondere für Theater und hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Er meint, die soziokulturelle Szene sei nicht kunstaffin, sondern kunstskeptisch bis hin zu kunstfeindlich. Und freie Kultur werde leider allzu schnell in allzu große Nähe der Soziokultur gerückt. Seine Sätze schockieren bisweilen seine Kollegen und kommen wie unbewiesene Behauptungen daher, die lediglich einem Zweck dienen: Provokation.

«Kunst kann bisweilen auch irritieren und auch mal verstören, aber sie läuft in die Irre, wenn sie das zu ihrem Ziel und Zweck macht. Wahre Tabubrüche geschehen unbeabsichtigt. Wenn man ein Tabu schon als solches erkannt hat, rückt es ja ins Licht des Bewusstseins und hat schon an seiner Energie eingebüßt. Ein solches Tabu zu brechen, ist wie ein Karateschlag auf ein zuvor angesägtes und präpariertes Brett. Also keine Kunst!»

Da funkelt Slinky. Gleich werden die Ringe durch die Luft fliegen, kurz eine Luftbrücke bilden und sich an einem ganz anderen Ort wieder landend versammeln. Das will ich verhindern und frage den Hausphilosophen des Katakomben-Theaters nach dem Verhältnis von freier Szene und Soziokultur.

«Auf den ersten Blick sind sie sich zum Verwechseln ähnlich, so dass manch einer auch berechtigt fragen könnte: Gibt es überhaupt einen Unterschied? Wenn man aber ein wenig genauer hinschaut, sieht man einen ganz wesentlichen paradigmatischen Unterschied: es ist das Primat des Ästhetischen. Für die Soziokultur ist Kunst sekundär; primär ist die sozialpädagogische Funktion von Kunst. Die Soziokultur hat sozusagen ein instrumentelles Verhältnis zur Kunst. Sie begründet das teilweise aus politisch linken Argumentationszusammenhängen: die Kunst in ihrer gesellschaftlichen Funktion und Verantwortung soll sich der Nöte und Sorgen der Menschen annehmen, ihnen vielleicht auch helfend die Hand reichen und manchmal sogar -extrem formuliert- eine gewisse Feuerwehrfunktion für soziale Brände erfüllen. Kunst soll ein Ventil sein zum Dampfablassen, Kunst soll "Kinder aus bildungsfernen Schichten" an Bildung und Schule heranführen, ihnen einen Geschmack davon vermitteln, wie schön und sinnvoll es sein kann, einen Beruf zu erlernen etc. Das sind Dinge, die an die Kunst von außen herangetragen werden. Und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass Soziokultur von Menschen organisiert wird, die aus linken Zusammenhängen kommen, aber keine Künstler sind, sondern meistens einen Hang zur Sozialpädagogik haben. Künstler werden für Projekte auf sozialen Problemfeldern angemietet. So entsteht eine Projekthurerei der Künstler, die ja von irgend etwas leben müssen, was so nahe wie möglich an ihre Kunst kommt oder mit ihrem Künstlersein zu tun hat.»

«Projekthurerei»! Das kommt ihm so selbstverständlich über die Lippen, dass man ihm fast abnehmen möchte, dass er gar nicht provozieren will. Dennoch kann man vielleicht auch verstehen, dass hier und da Leute aus der Soziokultur wütend werden. Darauf angesprochen reagiert er mit einer etymologischen Argumentation: Im Niederländischen stehe das Wort «huur» für Miete. Es gehe also darum, etwas zu Mieten, dann aber im engeren Sinne: etwas zu mieten, was man eigentlich nicht mieten kann. Dienste könne man allgemein gegen Bezahlung in Anspruch nehmen; doch seien Liebesdienste sexueller Art jenseits der Grenze des Mietbaren, also eine Pervertierung des Mietgedankens. Das passe sehr gut zum Gedanken, Künstler für Kunstdienste anzuheuern. Er wolle zwar Kunst nicht allzu sehr romantisieren, aber ohne Herzblut sei projektorientiertes künstlerisches Arbeiten Hurerei.

So weit Meister Slinky Springs auf der Brücke Slinky Springs to Fame. Meister Google sieht es etwas anders: Auf der wer-seiss-was-Seite findet man den Hinweis mit einem Rückgriff auf Kluges Etymologisches Wörterbuch, dass das Substantiv Hure von althochdeutsch "huor" = außerehelicher Beischlaf stamme. Die Verbindung zu englisch "hire" und dem niederländischen "te huur" scheint nicht gegeben zu sein. Aber auch auf diesen Hinweis scheint Slinky nicht um eine Antwort verlegen: «Ja, jetzt habe ich mal philosophiert wie Heidegger», grinst er. «Was ich meine, ist doch klar geworden, oder?»

Ich frage ihn nach seinem Standpunkt: meint er, dass Kunst ohne soziale und politische Verantwortung sei?

Nein, nein, das sei ein logischer Kurzschluss. Die Autonomie der Kunst zu verteidigen, sei etwas gänzlich anderes als die Kunst sozialer und politischer Verantwortung zu entziehen. «Wir sprachen von "Projekten", von einem zielgerichteten, geplanten Handeln, das in die Zukunft greift. Gegen dieses teleologische Denken muss man die Freiheit der Kunst verteidigen. Aposteriori gilt etwas anderes: In der Interpretation der Kunstwerke kann man sie auch auf ihre politische und soziale Dimension abklopfen und prüfen. Aber man kann der Kunst nicht von vornherein Ziele vorschreiben. Nur so hat Kunst einen tatsächlichen Erkenntniswert. Sonst ist es wie in der soziologischen Untersuchung: Wenn ich von vornherein weiß, was bei einer Statistik heraus kommen soll, kann ich die Zahlen doch gleich fälschen und mir die mühselige Erhebung sparen.»

Dann hat also Kunst für ihn einen Erkenntniswert?

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