Slinky Springs to Fame

Jo Ziegler über ein Interview-Vormittag mit dem Sprecher des Katakomben-Theaters Uri Bülbül

Eine Reportage von Jo Ziegler

Er sieht eine Liege auf der Uferpromenade am Rhein-Herne-Kanal, flätzt sich hin und philosophiert.

Am liebsten würde ich ihn fragen, was aus unserem Buch «Bedingung und Möglichkeit» nun geworden ist. Es war ein sehr interessantes Projekt, und er hat ein Jahr lang von 2012 bis etwa September 2013 gemeinsam mit Salomé Klein und mir sehr intensiv daran gearbeitet, dann verlor er plötzlich die Lust. Ein tolles Projekt, wie ich finde: eine 14-Jährige, ein genau halbes Jahrhundert älterer Mann, nämlich ich und Uri Bülbül unterhalten sich über «Kulturalität». Und Uri Bülbül führte noch zwei fiktive Figuren aus seinem literarischen Repertoire in das Buch ein: Niklas Hardenberg, einen Professor für Galimathologie und Rabulistik, der seine Dissertation über die «Ontologie des Nichts» geschrieben haben soll und Roger Weißhaupt, Archivar für ungeschriebene Texte im Schreibhaus.

Die beiden fiktiven Figuren sind sich nicht immer ganz grün, halten dann aber zusammen, wenn es gegen den Autor höchst persönlich geht, wodurch eine gewisse dramaturgische Spannung entsteht, die nicht unlustig ist. «Fiktion und Wirklichkeit greifen immer ineinander und mich hat schon immer das Mischverhältnis interessiert», sagte er bei der Arbeit an diesem Buch, und nun wage ich ihn nicht zu fragen, was aus diesem Projekt geworden ist. Ist das Buch «Bedingung und Möglichkeit» mit seinen satten 200 Seiten im DIN A 4 Format ins Reich der Fiktion hinüber gewandert oder gesprungen, um im Slinky Springs to Fame Bild zu bleiben?

Jedenfalls muss ich angesichts der Fußgängerbrücke über den Kanal feststellen, dass in der Topographie, die Uri Bülbül anlässlich von «Bedingung und Möglichkeit» erstellte, die Architektur fehlt. Ist sie nicht ein Musterbeispiel für das Ineinandergreifen der Fiktion und der Wirklichkeit? Kunst und Funktion verschmelzen hier zu mehr als nur zu Design. Die Fußgängerbrücke wird zur Kunst und die Kunst zur Fußgängerbrücke, die wiederum von ganz anderer Seite symbolisch weiter aufgeladen wird.

Aber um diese Betrachtungen in den Fokus bekommen zu können, müsste man die philosophierende Feder erst einmal auf die Brücke bekommen: Das Thema «Arbeit» hat er längst verlassen. Die eine Seite sei das Betrachten der Arbeit als eine genuin menschliche Eigenschaft. In der griechischen Mythologie sei dies selbstverständlich: Prometheus bringe den Menschen das Feuer zurück, was Zeus ihnen entzogen habe. Und das Feuer stehe für Erkenntnis, Handwerk (Schmiedekunst) und Energie - also die Elemente der Arbeit. Es sei selbstverständlich, dass der Mensch arbeite. Erst im Christentum ändere sich dieses Verständnis und die Arbeit werde als Resultat der Vertreibung aus dem Paradies eingeführt; sei also ein Produkt des Sündenfalls. «Und wer empfindet Arbeit als Zwang, Qual und Tortour? Der Sklave. Nicht umsonst sieht Nietzsche im Christentum die Machtergreifung der Sklavenmoral.»

Endlich machen wir uns auf den Weg zur Brücke. Hier versprechen sich Paare Freundschaft und Treue, heiraten und hinterlassen als Symbol ihrer Liebe und Verbundenheit ein Vorhängeschloss an Slinky Springs to Fame, begreifen ihre Liebe hoffentlich als Brücke und nicht als eine Jonglierfeder, die sich auch mal selbständig machen kann.

Uri Bülbül kann's nicht lassen und kramt in der germanistischen Mottenkiste und zaubert alte Verse hervor:

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.

Und spekuliert: «Ich glaube, das hat eine junge Nonne für Jesus gedichtet und in ihrer Phantasie seine Wunden gereinigt». Dann wird es kurz besinnlich oder zweifelnd: «Der verlorene Schlüssel als ein Symbol für Treue oder in der dialektischen Umkehrung für die Gefangenschaft. Vielleicht will man von einem Menschen gar nicht immer geliebt werden und in dessen Herz eingeschlossen sein. Es ist ziemlich einengend», findet er.

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