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Kulturmanagement und Kulturorganisation


Dann fing ich in Köln das Postgraduiertenstudium Kulturmanagement an und bekam gleichzeitig, weil man mich im Kulturbüro Bochum über meine Aktivitäten kannte, die Künstlerische Leitung des Kemnade-International-Festivals. Zugleich arbeitete ich als Praktikant im Kulturbüro und organisierte die Festivals in den Jahren 2003, 2005, 2007 und 2009. Und dann fand Kemnade-International ein Ende, in dem aus das traditionsreiche Festival aus der Wasserburg in Hattingen in die Jahrhunderthalle und auf das Gelände dort verlegt wurde.

Celal Erdoðan und ich gründeten parallel zur Kemnadeorganisation das Dervish-Kulturmanagement und wollten auch unsere eigenen Bands vermarkten, NEFES IN MOTION, TRANSORIENT ORCHESTRA und auch andere Künstler. Dabei kamen wir auch mit Betin Güneþ ins Gespräch, der wirklich visionär dachte und plante - ein großartiger Komponist und Dirigent. In dieser Zeit lief auch ein Musikprojekt, mit dem wir bei JAZZWERK RUHR in Bochum im Schauspielhaus und in dem damaligen SATIRICON Theater auftraten. Ich war schon mal im SATIRICON mit BABA JAM aufgetreten und kannte das Theater; aber bei unserem zweiten Besuch empfand ich die Atmosphäre als besonders schön und ergreifend. Im Publikum waren unter anderem Oliver Scheytt und Johannes Brackmann, der das GREND-Kulturzentrum in Essen-Steele leitet. Johannes Brackmann machte mich darauf aufmerksam, dass das SATIRICON geschlossen werden sollte und ein neuer Betreiber gesucht wurde. So entstand das KATAKOMBEN-THEATER.

Uri Bülbül: Das muss 2004 gewesen sein; im Sommer 2005 stieß ich dazu, als ich bei dir anfragte, ob du Musik bei einer Lesung machen könntest.

Kazým Çalýþgan: Wir haben damals schon darüber philosophiert und die Gedanken 2006 intensiviert, dass das Theater eigentlich eine moderne Form des Tekke werden sollte. Kein Derwisch und kein spiritueller Mensch bleibt außerhalb seiner Zeit. Technik, Zivilisation und Gesellschaft entwickeln sich weiter, es entstehen neue Dinge, neue Kunstformen, andere Ästhetiken. Deshalb hatte ich die Vision, dass das Theater eine zeitgemäße, moderne Form des Tekke sein könnte. Natürlich sollte das Spirituelle nicht alles andere überdecken und überschatten. Schließlich hatte ich neben meiner spirituellen Ader ja auch die politische und die künstlerische, wie ich erzählt habe. Und das alles zusammenfließen zu lassen zu einer großen Synergie, zu einer künstlerischen Atmosphäre war die Leitidee. Aber so etwas braucht seine Zeit, und wir mussten unsere Erfahrungen machen, uns auch mit dem Alltag herumschlagen; es stellten sich organisatorische Herausforderungen, die Kulturbürokratie verlangte ihren Preis und unsere Aufmerksamkeit. Umgekehrt wollten wir ja auch die Unterstützung des Kulturbüros. Oliver Scheytt, damals Kulturdezernent in Essen verfolgte die Entwicklung des Theaters im Girardet Haus hilfsbereit und wohlwollend. Selbst als Musiker aktiv, hatte er ein Herz für unser Engagement und ein offenes Ohr auch für die Musik.

Du solltest irgendwann in Zusammenarbeit mit mir die Philosophie des Katakomben-Theaters schreiben. Das hat aber auch eine ganze Weile gedauert, bis wir so zusammenkamen, dass einiges verschriftlicht wurde. Den Anstoß dazu gab die Diskussion im Land um die interkulturelle Öffnung der städtischen Theater und Konzerthäuser. Mit dem Faktor «Interkultur» sind wir in die allgemeine Diskussion eingestiegen und haben auch unsere Philosophie als Katakomben-Philosophie verschriftlicht und wenig später auch die KulturAkademie-Ruhr gegründet.

Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass wir als Betreiber einer mehr oder weniger kommerziellen Unterhaltungs- und Vergnügungsstätte angesehen werden und das interkulturell-künstlerische Konzept unterbewertet wird. Dabei wollen wir eine säkular fundierte, humanistische Interkulturarbeit machen, die nicht theologisch wird, aber bodenständig spirituell und herzlich ist.

Uri Bülbül: Geht das?

Kazým Çalýþgan: Warum nicht? Blues oder Jazz weisen doch über sich hinaus. Sie haben Herz und sind nicht profan. Das Konzept ist besser als immer nur interreligiöse Dialoge zu führen und sie als den letzten Schluss der interkulturellen Weisheit zu verkaufen.

Uri Bülbül: Lieber Kazým, vielen Dank für dieses Gespräch.