... weiter | ... weiter

Archiv...







Ankunft in Deutschland


Uri Bülbül: Ich schlage vor, wir kommen später noch einmal im Zusammenhang mit deiner heutigen Tätigkeit als Theaterleiter auf deine Erfahrungen mit Alevismus, mit Derwischen und Bektaschi zurück. Das zeigt auch noch mal die spirituelle Dimension deiner Kulturarbeit auf. Aber bleiben wir erst einmal in der Chronologie...

Kazým Çalýþgan: Dann erzähle ich dir, wie ich nach Deutschland gekommen bin. Es war 1980 nach meinem Abitur. Damals war die Türkei sehr aufgewühlt, es gab politische Unruhen, Kämpfe; es starben jeden Tag drei bis fünf Menschen. Ich war zwar erst 17, aber politisch sehr interessiert und auch engagiert. Mein Onkel war bei DEV YOL aktiv, und ich hatte das Gefühl, an seiner Seite sein und auch ihn beschützen zu müssen. Du weißt: DEV YOL heißt «Revolutionärer Weg» bzw. «Riesenweg». Es ist ein türkisches Wortspiel mit der Abkürzung von «Devrim», was «Revolution» bedeutet und «Dev», was «Riese» heißt. Es gab Auseinandersetzungen mit der Polizei und auch mit faschistischen Gruppierungen. Und ich war mittendrin. Es war durchaus gefährlich. Meine Eltern machten sich Sorgen um mich und wollten mich aus dem Ganzen herausziehen. Noch vor dem 12. September 1980, also vor dem Militärputsch, kam ich nach Deutschland.

Ich dachte, ich könnte in Deutschland sofort ein Studium aufnehmen. Es gab Studienkollegs, die man ein Jahr besuchen und Deutsch lernen konnte. Nach einer abgelegten Prüfung wurde man zum Studium zugelassen. Ich kam aber gerade in eine Phase, in der sie dieses Modell abschafften. Ich wurde aufgefordert, mein türkisches Abschlusszeugnis vom Regierungspräsidenten anerkennen und einstufen zu lassen. Mein türkisches Abitur wurde nicht als Hochschulreife anerkannt. Stattdessen sollte er einem Realschulabschluss entsprechen.

Uri Bülbül: Oh, es gab damals schon eine Willkommenskultur.

Kazým Çalýþgan: Ich wäre schier wahnsinnig geworden. Ich wollte unbedingt studieren. Auf dem Kolleg hätte ich Deutsch lernen können; stattdessen sollte ich aber auf das Abendgymnasium und mein Abitur «nachholen». Dafür aber konnte ich kein Deutsch. Dann sollte ich wenigstens auf eine Berufsschule gehen. Das habe ich dann auch gemacht. Der Lehrer fragte uns alle, was wir später machen wollten. Und ich sagte ihm, dass ich studieren wollte. Er meinte, das gehe nicht, ich sei hier auf einer Berufsschule und würde nicht die Hochschulreife erlangen. Ich sollte technisches Zeichnen lernen, Metallverarbeitung usw. usf. Das war für mich völlig ungeeignet. Schließlich wurde ich krank. Ich hatte dann einen Krankenhausaufenthalt von drei Monaten.

Dann kam ein Freund zu Besuch, und als er von meiner Situation hörte, meinte er, er kenne den Leiter des Studienkollegs in Bonn und könne mich an die Universität bringen. Tatsächlich war das Studienkolleg bereit, mich aufzunehmen, wenn ich ein Schreiben von einer Universität mitbrachte, die mir quasi die Immatrikulation zusicherte, wenn ich das Kolleg abschloss.

Der Freund kannte einen Professor in Siegen, der mir eine entsprechende Bescheinigung besorgen konnte. So kam ich auf das Kolleg. Da habe ich deutsche Sprache, Hören und Verstehen, Grammatik, Geschichte, Literatur als Fächer gehabt. Zuvor war auch schon in der Türkei meine Fremdsprache in der Schule Deutsch.

Nach dem Jahr auf dem Kolleg wurde ich in Siegen für Wirtschaftswissenschaften immatrikuliert, später kam ich nach Bochum und studierte Sozialwissenschaften. Aber wie und wo auch immer, machte ich nebenbei Musik. Ich hatte auch ein Auslandsjahr in England, in der Nähe von Bermingham. Ich habe sofort Menschen gefunden, mit denen ich Musik machen und eine Band gründen konnte. 1990 habe ich mein Studium in Bochum abgeschlossen. Nach dem Vordiplom hatte ich ein Stipendium von der Friedrich-Ebert-Stiftung erhalten. 1980 bei meiner Ankunft in Deutschland traf ich auf eine sehr lebendige politische Szene: Solidarität mit Lateinamerika, Griechisch-Türkische-Freundschaftsinitiativen, Friedensbewegung. Das waren für mich auch Gelegenheiten mit meiner Musik aufzutreten. So lernte ich auch immer andere Menschen und Freunde kennen, mit denen ich musizieren konnte. Ich trat auch bei einer Ostermarsch-Abschlusskundgebung auf. Wir spielten auch deutsche politische Lieder von Fallersleben oder Freiligrath, hörten Platten von Liedermachern...

Uri Bülbül: Von Hannes Wader?

Kazým Çalýþgan: Hmmm, nicht gerade Hannes Wader. Da war Wolf Biermann schon aus der DDR ausgebürgert worden; ich mochte ihn deutlich lieber. Später haben wir auch auf Festivals gespielt; wir haben eine Kassette aufgenommen und später, als ich aus England zurückkam, habe ich die Band BABA JAM gegründet. Und damit haben wir auch den ersten Preis auf dem Festival in Rudolstadt gewonnen. Und bekamen mit dem Preis auch ein Studio für Aufnahmen in Köln. Mitte der 90er gründeten wir NEFES IN MOTION. Die Gruppe entstand aus einer Session. Ich meine, dass Sessions für Szenebildung und für das gegenseitige Kennenlernen und Experimentieren der Musiker sehr, sehr wichtig sind.

Uri Bülbül: Hast du nach deinem Studienabschluss überhaupt als Sozialwissenschaftler gearbeitet?

Kazým Çalýþgan: Ja, ich habe bei ZECHE CARL im Medienzentrum Ruhr zwei Jahre gearbeitet. Ich hatte da eine ABM-Stelle im Bereich der Medienpädagogik; da habe ich mich in das Videofilmen vertieft. Dann habe ich angefangen, Film und Musik miteinander zu verbinden, habe Videoclips gedreht und habe auch mal einen Film über Alevismus gemacht.

Uri Bülbül: Ich hätte deine Zeit im Medienzentrum eher deiner künstlerischen Laufbahn zugeschlagen und sie weniger mit deinem Sozialwissenschaftsstudium in Verbindung gebracht.

Kazým Çalýþgan: Ja, bravo! So ist das eigentlich auch. Nach meiner Zeit im Medienzentrum habe ich ein oder zwei Jahre an der Essener Uni gearbeitet. Da war ich wirklich als Sozialwissenschaftler beschäftigt. Zugleich fuhr ich aber 1996 auch nach Istanbul, wo die erste Biennale stattfand. René König war der Kurator der Biennale. Ich habe dort drei Monate gearbeitet, wo ich auch Sabine Vogel kennenlernte, die dem Kurator assistierte. Wir sind dann mit einem weiteren Freund zusammen nach Malatya gefahren; sie wollten meinen Opa kennenlernen.

Nach 1996 arbeitete ich zwei Jahre bei IFAK in Bochum, wo im Gebäude auch ein kleines Räumchen war, was als Treffpunkt und Café dienen sollte. Dafür habe ich immer ein Kulturprogramm zusammengestellt, und das Café hieß «Café Mokka».

Read more